Sanfte Pflege für entzündliche Haut

Echte Kamille

Ein heimischer Schatz: Die Echte Kamille

Das Hydrolat der Echten Kamille (Matricaria recutita, auch Chamomilla recutita) destilliere ich nicht jedes Jahr, und daher ist es immer ein wundervolles Erlebnis, wenn ich sie wieder am Rande von Kulturflächen finde, die nicht gespritzt oder gedüngt sind und ich sie daher unbesorgt sammeln kann. Wenn es ab Juni soweit ist, ziehe ich mit Fahrrad und Korb los und sammle meine diesjährige Kamillenernte für Hydrolate und Extrakte.

Mädesüß und Holunder destilliere ich am liebsten frisch. Kamille gehört zu den Pflanzen, die getrocknet tatsächlich eine noch bessere Ausbeute an ätherischen Ölen liefert: Im frischen Zustand ist die sogenannte Schüttdichte sehr hoch, und diese kann den Durchfluss des Dampfes mindern1. Mein Ziel ist jedoch ein hochwertiges Hydrolat – das bedeutet, ich lege Wert auf einen hohen und ausgewogenen Anteil an flüchtigen lipophilen und hydrophilen Stoffen. Hydrophile Stoffe sind in der Regel bei Trocknungsprozessen einem größeren Schwund ausgesetzt,und dies ist der Grund, warum ich die Frischpflanzendestillation bevorzuge, wo es mir möglich ist. Ob mein Vorgehen wirklich optimal ist, könnten nur Analysen belegen. So bleibt mir lediglich eins: Geruch und Geschmack sind meine Testparameter für ein gutes Hydrolat.

Verarbeitung frischer Blütendrogen

Bei der Destillation frischer Blüten ist schnelles Arbeiten sehr wichtig: Sammeln, Ausputzen des Pflanzenguts und Destillieren sind Schritte, die ich in der Regel direkt hintereinander ausführe, da sich in den unteren Lagen im Korb mitunter recht hohe Temperaturen entwickeln und das Pflanzengut schnell hydrolytischen Prozessen ausgesetzt ist. Bei Mädesüß- und Holunderblüten kann es dadurch mitunter zu unerwünschten olfaktorischen Noten kommen, die den Gesamteindruck eines Hydrolats negativ beeinflussen und ihm eine »morbide« Note verleihen.

Das gezielte Anwelken von Pflanzen ist hingegen eine Möglichkeit, die Qualität eines Hydrolats zu erhöhen, da der Wasserdampf in der Destille vom Pflanzenmaterial besser aufgenommen wird und die Wärme gleichmäßiger übertragen wird. Wichtig ist nur ein Ausbreiten der Pflanzen (im Schatten und an einem gut durchlüfteten Ort), damit sie von allen Seiten von Luft umgeben sind und gleichmäßig welken können.

Ich sammle am Rande des Bergischen Landes nach einer mehrtägigen sonnigen Wetterlage, soweit möglich vormittags zwischen 10 und 12 Uhr. In meinem Korb schichte ich das im oberen Drittel abgeschnittene Kraut lose hinein.

Frische, ausgeputzte Kamillenblüten direkt nach dem Sammeln
Ausgeputzte Kamillenblüten

Die Blüten werden im Anschluss ausgeputzt und dann umgehend destilliert. Ich destilliere Frischpflanzen 1:1, das bedeutet 500 g Pflanzengut ergeben 500 ml Hydrolat. Das Becherglas, das das Hydrolat auffängt, hat eine große Oberfläche: Da ich kein ätherisches Öl abziehe, muss sich die Fläche nicht verjüngen. Dieses Glas sowie alle Blauglasflaschen werden vorher im Dampfdrucktopf sterilisiert und die Deckel mit 70%igem Ethanol desinfiziert. Wichtig: Ich filtere dieses Hydrolat nicht, da das ätherische Öl sich unweigerlich in der Glasnutsche fangen würde. Wer dies tun möchte, sollte das Öl vorher abziehen und das Hydrolat anschließend gut filtern.

Frisch destilliertes Kamillenhydrolat, bläulich eingefärbt durch Chamazulen
Bläulich gefärbtes, frisch destilliertes Kamillenhydrolat

Chamazulen im Flaschendeckel

So sieht übrigens der Deckel einer Hydrolatflasche am nächsten Tag aus: Man sieht deutlich das Blau des in Wasser gelösten Chamazulen, das erst während des Destillationsprozesses in Kontakt mit Sauerstoff aus dem farblosen Sesquiterpen Matricin entsteht.

Chamazulen des Kamillehydrolats im Deckel der Flasche

Turboextraktion von Kamillenblüten

Aus 20 g Blüten und 100 g 70%igem Ethanol habe ich hier noch einen Frischpflanzenextrakt hergestellt, mit der sogenannten Turbo- oder Wirbelextraktion. Ich nehme dafür meinen Ultra Turrax®, Sie können dies mit einem Stabmixer tun. Wichtig ist, das Becherglas mit der Pflanzen-Ethanol-Wasser-Mischung in ein kaltes Wasserbad zu stellen, um den Ansatz während der Extraktion zu kühlen. Ich habe 10 Minuten extrahiert (mit ca. 10.000 rpm), den Extrakt dann 24 Stunden sedimentieren lassen und mehrfach mit einem Büchnertrichter, anschließend mit einer Glasnutsche (Porosität 3) gefiltert.

Turboextraktion von Jiaogulan mit der IKA Ultra Turrax T18

Kosmetischer Einsatz

Hydrolate setze ich in Emulsionen gerne als Bestandteil der Wasserphase ein, konkret ersetze ich einen Teil (z. B. 25 %) des Emulsionswassers mit einem Hydrolat. Während ich früher oft die gesamte Wasserphase durch Hydrolate ersetzt habe, bin ich mittlerweile zurückhaltender. Grund ist, dass meine Hydrolate verhältnismäßig konzentriert sind und ich sie verdünnter als milder empfinde. Nicht vergessen: Ein Hydrolat ist im ein Vielfaches konzentrierter als ein Infus (Teeaufguss). Bewährt hat sich, das Hydrolat direkt nach Emulsionsbildung (nach kurzem Dispergieren der beiden zusammengegebenen Phasen) hinzuzufügen, wenn die Emulsion noch recht heiß ist. So wird das Hydrolat qualitativ nicht beeinflusst, lässt sich jedoch noch stabil in die Emulsion einbinden. Meine eigenen Hydrolate koche ich vorher nicht auf – sie sind sehr sauber hergestellt, und ich weiß, was ich habe. Bei Kaufhydrolaten bin ich vorsichtig (aber seitdem ich eine Destille habe, kaufe ich so gut wie keine mehr, insofern erübrigt sich diese Frage).

Pflanzenextrakte dosiere ich in der Regel um die 3 %, selten höher. Ich berechne sie mittlerweile nicht mehr als Konservierung. Im Gesamtkonzept einer Formulierung wirken sie selbstverständlich kokonservierend und unterstützen sinnvoll andere antimikrobiell wirksame Substanzen.

Quellen

  1. Bayrische Landesanstalt für Landwirtschaft: Wasserdampfdestillation ätherischer Öle aus frischen oder angewelkten Pflanzen, Freising, 1998
  2. Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft: Gewinnung ätherischer Öle aus Blatt-, Blüten- und Körnerdrogen einheimischer Produktion. Jena, 2005.

Autorenbild © Heike Käser | Olionatura®